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LandArt
Absichten und Zufälligkeiten
auf dem Anwesen der
Tenuta Capraia



1. Der Skulpturenweg

Vom Tor bis zur "Halle des Gesetzes" (die früher von Kühen bewohnt wurde), verläuft ein Weg, der in freiem und doch regelmäßigem Rhythmus von Zypressen begleitet wird. Die Zypressen stiftete Atsuko als Zeichen des Lebens und des Wachstums, und sie waren kaum zwei Meter hoch und sehr zart, als Renato Gigliotti sie pflanzte. Inzwischen überragen die am schnellsten gewachsenen bereits die sechs Meter hohe Halle, und jedes Jahr legen sie allen widrigen Winden zum Trotz wieder um ein Wesentliches zu.

Zwischen die Zypressen gruppiert sich eine Prozession skulptural anmutender Oliven-Hölzer. Sie alle stammen aus dem Fundus eines in der Nachbarschaft sorgfältig aufgeschichteten Holzstapels, den ich jahrelang als Naturwunder verehrte, ehe ich seinen Besitzer bat, ihn ihm abkaufen zu dürfen. Die Olivenskulpturen sind weder als Bronzen verewigt noch sonstwie gegen Fäulnis gesichert, und nach jedem Sturm rekonstruiere und korrigiere ich ihr Miteinander. Ich bin mit den Skulpturen auf Du und schäme mich, sie - wie mich selbst - immer noch nicht ernst genug zu nehmen.

2. Die Steinkreise

dienen als Feuerplätze und verteilen sich in diesem Sinne gleichmäßig zu einer großen Konstellation von Treff-Punkten auf die 140.000 Quadratmeter der Capraia. In ihrer archaischen Form erinnern sie an meditative Kalligrafien, und sie sind es in der Tat und auf ganz besondere Weise, insofern sie aus einzelnen Steinen bestehen, die, von geradezu ausgesucht individueller Gestalt, je für sich in das Bild der kreisenden Einheit eingehen, das letzten Endes weniger Individualität behauptet als sie selbst.

Daß es sich bei den die Steinkreise motivierenden Feuern letzten Endes um Tanzfeste handelt, die sich daraus ergeben und darin ereignen, daß Materie sich - einander anstreckend - in andere Energien transformiert, das begründet einerseits deren Fortsetzung in einer Reihe von sieben auf die Häuser der Capraia sich verteilenden Kaminen und andererseits auf den Steinkreis vor der Halle, der, gewissermaßen verwandelt, als Theaterplatz zu den Tänzen der musikalischen Pantomimen einlädt.

3. Die Steingärten

Steingärten, das sind die traditionell-revolutionären Skulpturen der japanischen Zen-Tempel. Man denke an den des Ryoan-ji, etwa, vor welchem sich täglich große Schüler- und Touristenscharen in neugieriger, vielleicht auch inniger Meditation versenken.

Der größte der Capraia-Steingärten erstreckt sich, begleitet von einer 20 m langen Travertinbank, längs der östlich gelegenen Rückseite der "Halle des Gesetzes". Große unverrückbare Felsbrocken, willkürlich und gedankenlos von den Maurern mithilfe ihres großen Kranes abgesetzt, werden von kleineren bis kleinsten Steinen in ihren Positionen gerechtfertigt. Im Gegensatz zu den in ihrer Kunstwerklichkeit unantastbaren Steingärten Japans ist das Besondere derjenigen der Capraia: sie lassen sich - potentiell jedenfalls - jederzeit verändern. Meditation ereignet sich als Stein-Spiel, als Stein-Spiel im Miteinander, als wortloses Gespräch. Im Falle des der Travertinbank vorgelagerten Gartens verführt dieses Konzept zu immer wieder neuen Überlegungen, wie sich die Grobheit der ursprünglichen Konstellation entschuldigen läßt - und beschenkt mit der erlösenden Einsicht der vorläufigen oder schließlichen Überflüssigkeit aller denkbar möglichen Entschuldigungen. Auch die Natur spielt mit: Ginsterbüsche ergänzen als dynamisch wachsende, im Wind sich bewegende und mit den Jahreszeiten sich verändernde Gewächse die betont statischen Bruch-Strukturen des Gesteins zu einem wachen Ganzen, das Lebendigkeit neu definieren hilft. Zwischen den Elementen der Konstellation wachsen Gräser und Kräuter und unterwerfen sie damit biologischer Wandlung und Geschichtlichkeit.

Der nächst kleinere Steingarten liegt ein wenig abseits im Norden der Halle, umgeben von einer Travertinbank, im Schatten eines Ölbaumes. Ihrer Größe nach haben die hiesigen Steine nicht unbedingt feste Plätze - und wenn man sich um sie versammelt, so durchaus in der Absicht, ihren Positionen zu Leibe zu rücken - die dann allerdings in der Regel derartig ernst genommen werden, daß man Eingriffe und Veränderungen nur ausnahmsweise vornimmt und dann nicht selten wieder rückgängig macht.

Noch kleinere Steingärten befinden sich beinahe zufällig auf das Anwesen verstreut - in einer mit den Steinkreisen heimlich kummunizierenden Konstellation - , um Plätze formenden Innehaltens zu markieren. Die meisten von ihnen fanden sich bei Aufräumarbeiten ein. Nachdem sie lange genug sinnlos herumlagen, haben sie plötzlich etwas zu sagen - wobei niemand zu sagen wagt und doch jeder darüber nachdenkt, was den einen Zustand vom anderen unterscheidet. Kleinste Steingärten bestehen aus Kieseln, die man in die Hand nehmen und in die Tasche stecken kann. Sie liegen auf Fensterbänken, in Ecken oder auf Wegen. Manchmal weiß man nicht: fanden sie ihren Platz absichtlich, oder haben wir es wieder mal mit den launischen Ein- oder Zufällen der Natur zu tun? Diese Übergänge sind ihrer unkünstlerischen Schamlosigkeit wegen ganz besonders wichtig. Und doch: nichts ist so penetrant, wie in diese Richtung den ökologischen Finger auszustrecken.

Ab und zu kann es dir passieren, daß dir jemand einen Stein in die Hand legt. Zur Ergänzung der Steingärten ins Monumentale gehören selbstverständlich alle größeren und kleineren aus dem Boden herausragenden Felsen, und andererseits alles irgendwie Gemauerte: Treppen, Bänke, Brunnen, Unterstand und Tor, Halle, größere und kleinere Behausungen, das Elektrizitätshäuschen und die beiden Pumpstationen.

Und natürlich die Wege, aus naturgeformten in den Boden eingelassenen Platten, deren unregelmäßige Abstände das Maß der Schritte beeinflussen. Indem sie die Häuser umgeben und sie auf eigenwillige Weise mit einander verbinden, motivieren sie die Konstellation der Steingärten und -kreise in linear tänzerischen Korrespondenzen. Vor der Westseite der Halle verbreitern sie sich zum Theaterplatz und erlauben dir, stehen zu bleiben.






4. Schach

Auch die Prozession der Olivenholz-Skulpturen erreicht am Theaterplatz ihren Höhepunkt. Zu Zeiten, die er nicht bespielt wird, liegt auf ihm eine Gestalt-Komposition aus baumgroßem nacktem Geäst im Sinne eines überdimensionalen "Ikebana"-Gebildes, flankiert links von einem auf seine Grundstruktur hin reduzierten Olivenbaum, der ihm auf diese Weise wieder den Weg in die Natur zurückweist, und rechts von einer Skulptur aus ineinander verschachtelten Holzbalken, die ihre Entstehung einem August 2001 gefeierten Ritual "Kreuzwege" verdankt und seitdem einem (künstlerisch retardierten) witterungsbedingten Wandlungs-Prozeß unterliegt.

Ihre Weiterführung erfährt die Prozession der Olivenholz-Skulpturen einerseits durch die in den Garten und die unkultivierte Natur überleitenden Bäume, die alle irgendwelchen älteren, "unkünstlerischen" Setzungen, Satzungen oder Gesetzen ihre Position verdanken, und andererseits durch die Holzfiguren, die auf individuell gedrechselten und lackierten Sockeln stehen und in diesem Sinne ihre geradezu adelige künstlerische Strenge zur Schau tragen. Diese wiederum setzen sich noch einmal in zwei Gruppen fort: Die eine besteht aus Figuren ohne Sockel, die andere aus Sockeln ohne Figuren.

Das rituell regellose Schachspiel, ein immer wieder aufgeführtes Theaterstück der Capraia, bedient sich dieser dreifachen Gruppe der Skulpturen, indem es sie - den jeweils in der Luft liegenden Interaktionen gehorchend - in von Mal zu Mal neuen Kombinationen einsetzt. In diesem Zusammenhang kann es vorkommen, daß sich im Eifer der spielerischen Entwicklungen zwischen die Holzsockel ein sie erinnernder Stein mischt, oder ein Tuch, in seinen Faltungen geformt zu Ehren und im Sinne eines Steines oder eines Holzstückes. Oder daß ein Spieler sich den Bedingtheiten der Welt zu Liebe für eine Weile in einen Stein verwandelt, reglos an einer Stelle verharrend, die er - wenn er nicht gestorben oder verschwunden ist - womöglich noch jetzt besetzt hält.

Wie die Steinspiele sich am Ende poliert in der Handfläche und auf den Restauranttischen verlieren und wiederfinden, so geht es auch den Holzskulpturen. Ihre letzten Ausläufer geben sich als reguläre Schachfiguren zu erkennen, die auf mehr oder weniger vollen oder leeren Eßtischen einander zu gesellschaftlichen Ereignissen herausfordern. Vermischt mit gerade sich einfindenden Instrumenten des alltäglichen Gebrauchs: einem Brett, einem Löffel, einem Mörser. Einer Flöte, einer Geige, den Knöpfen an der Jacke. Auf Stühlen sitzend unterm Dachgestühl, von Möbeln umstellt.

5. il dormitorio abandonato

Ist die Capraia ein Museum, ein Atelier, oder eine Unterkunft? Nahezu jedes der Zimmer hier hat ein Bett, und jedes Bett hat sein Bettzeug, das, mitsamt irgendwelchen An- bzw. Ausziehsachen, skulptural bedacht wird. Nicht einfach im Sinne nachlässiger Unordnung, sondern solche transzendierend: wohl erwogen, lange bedacht und erprobt, und immer im Sinne mutigster Erst- und Einmaligkeit, als Variation auf ein täglich aufs Neue sich in Erinnerung bringendes Thema.


6. Tuben- und Papierskulpturen

Die geradezu phantasievolle Mitarbeit der Natur an der Gestaltung hölzerner und steinerner Skulpturen setzt sich in Küche und Bad fort. Tomatenmark-, Salben- und Zahnpastatuben aus Leichtmetall kommen formenden Handgriffen gleichsam augenzwinkernd entgegen hinsichtlich in ihr schlummernder zeichenhafter Individualitäten. Und wie ihre großen Brüder aus Stein und Holz sprechen auch sie einerseits monumental für sich, andererseits für und mit einander, paarweise oder in der Gruppe - und dies höchst variabel, insofern jede kleinste Veränderung der Position einer Veränderung des Zueinanders und damit einer Verwandlung des in sich ruhenden oder auch streitenden Ganzen gleichkommt. Im Bereich des Ateliers leisten das Gleiche die Papierskulpturen. Jedes Tusch-Blatt läßt sich als nasser Lappen in eine einmalige Form bringen, die sich virtuos oder widerspenstig, liebevoll oder launisch mit dem Spiel der auf ihm sich erinnernden Pinselbewegungen auseinandersetzt, um sich, einmal getrocknet, der Ewigkeit zu überlassen (wie lang immer diese von Fall zu Fall dauern mag). Und auch solche skulptural erstarrten Gestalten gelten selbstbewußt je für sich, und lassen sich doch andererseits wieder zueinander in Beziehung setzen im Sinne miteinander kommunizierender Individuen.

Kommunikation... Alles steht für sich, ist einzigartig, aller eventueller Ähnlichkeiten mit anderem zum Trotz. Und gleichzeitig leitet sich alles voneinander ab, gehorcht verwandten Gesetzen, legt einander aus, spielt miteinander. Tuben, Papiere, Decken, Hölzer, Seile und Steine verbinden sich zu einer Familie der Würfe, Faltungen und Faltenwürfe.

Das Ensemble der abstrakten oder besser konkreten Skulpturen wird schließlich und endlich ergänzt durch manches, das in der Welt der Dinge zuhause und insofern dinglicher Natur wäre, aber im Zusammenspiel mit den gegenstandslosen Objekten ebenfalls eine Art der Unbedingtheit erlangt. Kein Wunder, daß es hier wiederum einiges gibt, das sich nur vorübergehend der Gebrauchswelt entzog, und anderes, das längst nicht mehr dazu gehört; in der Regel womöglich ganz einfach deswegen, weil man ihm die Hilfsbereitschaft nicht mehr zutraut.


7. Kunstgegenstände

Im Zusammenspiel der Kunstwelten kommt dem künstlerisch adligen Stück eine besondere Rolle zu, also den alten Teppichen und den alten Möbeln, die alle in irgendeiner Form den ästhetischen Sinn des Handwerkers und des Eigners widerspiegeln. Unprätentiös künden sie auch jetzt und hier ganz naiv und direkt vom Sinn des Schönen, darin sie sich sonnen dürfen, und zeigen, wie ernst sie sich nehmen. Dieser Adel gehört nicht nur den wirklich wertvollen Stücken, dem Hochadel gewissermaßen, sondern auch bescheideneren Zeugnissen handwerklichen Könnens, wie den Landhausstühlen mit geschnitzter Rückenlehne, der Küchzeile aus Nußholz, dem innen glasierten Tonkrug für das Öl, dem Obstkorb aus geflochtener Weide.

Die Teppiche indessen liegen nicht nur auf dem Boden. Sie wachsen unvermittelt die Wände hinauf, sei es als nicht mehr betretbares löchriges Fragment aus dem südpersischem Shiraz, sei es als turkmenisches Zeltband, das vom Boden zur Decke reicht. Dem wiederum entspricht als legitimer Verwandter das noch schmaler von der Decke herunterhängende japanische Rollbild, und diesem endlich die experimentelle Kalligrafie, die in skripturalen Gemälden ihr Wesen treibt und von der man nicht weiß, ob man sie nicht ihrer Wortlosigkeit wegen eher dem ornamentalen Genre der Teppiche zu ordnen soll, und wie weit man mit dieser Überlegung den Teppichen und nicht weniger den skripturalen Gemälden Unrecht tut.


8. Bilder

Aufs Ganze gesehen sind die skripturalen Gemälde des Malers Michael Vetter das Herzstück der Capraia. Alle ihre Zimmer gehören wie selbstverständlich zu einer sie vereinenden Wohngalerie, einem Museum, in welchem jedes Bild sein ganz intimes Zuhause hat, seinen eigenen Raum mit einem unverwechselbaren Ensemble von Gegenständen, Dingen, Objekten, die auf mysteriös selbstverständliche Weise seine Zeichenwelt erklären und andererseits als Geschichte in sich aufnehmen. Ihren Höhepunkt erreicht die Sammlung dieser Bild-Erzählungen in der "Halle des Gesetzes". In der befinden sich - diesmal ganz ohne das illustrierende Beiwerk sie umspielender Dinge, in einer Halle eben - die "Gesetzestafeln": Bilder, deren Lust das Gesetz der Zeichen ist: das Gesetz, sich in unlösbar rätselhaft beredter Weise - einander - zu zeigen und wahrzunehmen.






Kontakt Michael Vetter:

(+49) (0) 171 75 30 193

Email: zen@vetter-transverbal.de